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Vollständige Version anzeigen: Lehrermangel in Deutschland
sn3ek
Hallo,

ich habe gerade Google News bemüht und bin auf den SüddeutscheZeitung-Artikel gestoßen, in dem steht, dass in Deutschland zum beginnenden Schuljahr 2010/2011 sage und schreibe bis zu 45000 Lehrer fehlen werden. Es sollen Lehrer aus der Pension wieder geholt werden um das Loch zu stopfen. Außerdem sollen Quereinsteiger eingestellt werden. Gezweifelt wird an allen Ecken.

Vom Mangel betroffen sind jedoch die Geisteswissenschaftlichen Fächer nicht, dort gibt es teils starkes Überangebot.

Wenn ich das lese, frage ich mich, warum die Gelder für die Bildung gekürzt werden. Deutschland tritt sich immer mehr selbst in den Arsch und das immer tiefer und fester. Wo muss man hier ansetzen? An den Studenten, weil sie teils das falsche (in Relation gesehen) studieren? Oder an den Politikern, da sie irgendwie nicht zu begreifen scheinen, wo das Geld gebraucht wird und wo man ansetzen sollte, den Studenten es schmackhaft zu machen, Naturwissenschaftliche Lehramtsstudiengänge/-fächer zu belegen. Derzeit scheitert es ja offenbar an beiden Seiten.

Wie steht ihr dazu?

(via Süddeutsche Zeitung)
dieFranzi
Wenn Bundesländer nur 30 Referendare im Schuljahr pro Schulform ausbilden, kann ja auch nix nachkommen. Und grad in der Grundschule Quereinsteiger anzufordern, verspricht keinen guten Bildungserfolg. Ich bin gespannt auf die nächsten Iglu und Pisa Studien...
Chris
Deutschland gibt im europäischen und internationalen Vergleich (prozentual am BSP) weniger aus, als die anderen Ländern. Weiterhin sind in der Bildung Beamte beschäftigt. Diejenigen, die immer faul sind und völlig überzogene Gehälter und Pensionen beziehen. Eine gute Motivation. Sachsen verbeamtet gar keine Lehrer mehr und bezahlt auch recht schlecht (die dürften größere Probleme haben, weil andere Länder, z.B. BaWü mit Verbeamtung und hohen Gehältern die Lehrkräfte abwerben). An den Unis spart man gerne bei der Lehrerausbildung (Bayern bildet deutlich weniger Lehrer aus, als gebraucht werden. In Dresden sind die Veranstaltungen überfüllt) und 30 Kinder pro Klasse zu unterrichten dürfte auch einige abschrecken. Die Wirtschaft bietet deutlich mehr Freiraum und Geld für Ingenieure.

Man versucht in Deutschland die Lehrer langsam aber sicher wie auf dem freien Markt zu verwalten und bekommt damit auch die Nachteile. Es liegt einfach kein Verständnis dafür vor, dass eine Investition in die Bildung eine langfristige Investition ist, die man auch nicht einfach so senken kann, wenn gerade mal keine Kinder nachwachsen.
chelys
In Sachsen wurden (ich habe die Zahl nicht mehr im Kopf) deutlich unter 100 Referendare für das Gymnasium angenommen dieses Jahr. Mehr als die Hälfte der Angenommenen waren solche, die sich schon jeweils 2008 und 2009 lückenlos gemeldet haben. Für Erstbewerber gibt es da einen quasi-NC von 1,25 shifty.gif Jetzt fragt euch mal, mit welchen Fächerkombinationen man solche Noten schaffen kann. Ich habe mal von jemandem gehört, der mit Mathe und Physik eine 1,7 erreicht haben soll. lol.gif

Die Auswirkungen sind einfach: die Meisten gehen in andere Bundesländer. Dort wird flexibler eingestellt und eben auch nach Fächern geschaut. Die wissen nämlich, dass die Meisten Referendare dann sowieso im Land bleiben, wenn sie einmal 2 Jahre dort verbracht haben.

Ich habe so das Gefühl, dass man Deutsch und Gemeinschaftskunde in Zukunft mit 5 Lehrern gleichzeitig auf 20 Schüler unterrichten kann. Ist doch auch nicht schlecht.

/edit: Habe vergessen, etwas zur Lösung zu schreiben. Es gibt genug Leute, die das studieren wollen, doch wer willl schon nach dem Studium in eine solche Situation geraten? Wenn man für entsprechende Stellen sorgt (und diese nach Fächern vergibt), wird es das Problem nicht geben. Die Schulen wollen ausbilden, Lehrer findet man genug, es ist einfach kein Geld da, um die Seminare (also quasi die univerisäre Ausbildung) zu bezahlen. Da ist die Politik gefragt! Und das ist der Knackpunkt
Jenny86
Zitat(Chris @ 08 Aug 2010, 12:15)
(Bayern bildet deutlich weniger Lehrer aus, als gebraucht werden. In Dresden sind die Veranstaltungen überfüllt) und 30 Kinder pro Klasse zu unterrichten dürfte auch einige abschrecken.
*



Bundesländer wie Bayern und Ba-Wü sind bedeutend klüger, was die Lehrerausbildung und -einstellung angeht, als bspw. Sachsen. Denn es werden erstens nicht übermäßig Lehrer ausgebildet, die kein Mensch braucht und zweitens werden erst einmal alle eigenen Studenten als Referendare eingestellt und wenn dann noch Plätze offen sind, dann werden auch Bewerber aus anderen Bundesländern eingestellt. Außerdem hat bspw. Ba-Wü die Klassen verkleinert, sodass mehr Lehrer gebraucht werden. Das ist sicherlich auch etwas, was einen als Lehrer woanders hinzieht (wenn man mal von Gehalt, Verbeamtung und Kopierkosten absieht). Wenn ich dran denke, wie viele Freunde es betrifft, mit einem 1,-Schnitt keinen Referendariatsplatz in Sachsen zu bekommen, ... angry.gif
Fuchs
Zitat(chelys @ 08 Aug 2010, 13:55)
Für Erstbewerber gibt es da einen quasi-NC von 1,25  shifty.gif Jetzt fragt euch mal, mit welchen Fächerkombinationen man solche Noten schaffen kann. Ich habe mal von jemandem gehört, der mit Mathe und Physik eine 1,7 erreicht haben soll.  lol.gif
*



ey -.-

die leute, die es in mathe, physik etc. drauf haben gehen vllt. eher in die wirtschaft/wissenschaft als an die schule - was nahe liegt. das lehramt ist nicht sonderlich attraktiv. welcher mathematiker will sein leben lang kleinen kindern plus und minus beibringen. im geiwi-bereich trifft man da eher auf überzeugungstäter.

sneak: ich denke nicht, dass man deutlich mehr leute per politik zu einen natwi-studium auf lehramt bringen kann. erstens kann man interesse, neigung und talent nicht durch subventionen erreichen, zweitens (siehe oben) verdient man doch in der wirtschaft deutlich mehr geld. deswegen sitzen im bundestag auch haufen lehrer (oh wunder) und die superschlauen in den headquarters...
chelys
Es fangen schon recht viele mit Mathematik an, sind dann aber oft in Prüfungen hängen geblieben bzw. vom Niveau abgeschreckt worden. Früher* gab es eigens für Lehrerbildung bestehende Fakultäten bzw. Hochschulen mit für Lehrer geeigneten Vorlesungen, heute sitzt man als Gymnasiallehrer für Mathematik bei den Dipl.-Mat. drin.

*war alles besser
Aerin
Zitat(Fuchs @ 08 Aug 2010, 15:29)
die leute, die es in mathe, physik etc. drauf haben gehen vllt. eher in die wirtschaft/wissenschaft als an die schule - was nahe liegt. das lehramt ist nicht sonderlich attraktiv. welcher mathematiker will sein leben lang kleinen kindern plus und minus beibringen. im geiwi-bereich trifft man da eher auf überzeugungstäter.


das es unter den naturwissenschaftlern keine überzeugungstäter geben soll halte ich für ein gerücht, (meine rein subjektive und viel zu kleine stichprobe unter mir gut bekannten mathematiklehramtsstunden ergibt mindesten 60% überzeugungstäter)


aber das man referendare nicht fächerunabhängig nach note einstellen kann sollte auch klar sein, ist sachsen selber schuld wenns die leute 9 semester ausbildet und die dann nach bayern gehen weils in sachsen kein ref gibt, bzw das blos für geistis weil kaum ein naturwissenschaftler ne 1 vorm komma hat.
chelys
Zitat(Aerin @ 08 Aug 2010, 15:54)
das es unter den naturwissenschaftlern keine überzeugungstäter geben soll halte ich für ein gerücht, (meine rein subjektive und viel zu kleine stichprobe unter mir gut bekannten mathematiklehramtsstunden ergibt mindesten 60% überzeugungstäter)


*unterschreib*

/edit: Eine Stichprobe von mir hat ergeben, dass sogar 2 "fertige" Informatiker hinterher nocheinmal Lehramt studiert haben (natürlich Informatik), nur aus Überzeugung. Trotz des Geldes happy.gif
Fuchs
Zitat(Aerin @ 08 Aug 2010, 15:54)
das es unter den naturwissenschaftlern keine überzeugungstäter geben soll halte ich für ein gerücht
*



hab ich doch auch gar nicht gesagt?!?!?!????
Chris
Zitat(Fuchs @ 08 Aug 2010, 15:29)
sneak: ich denke nicht, dass man deutlich mehr leute per politik zu einen natwi-studium auf lehramt bringen kann. erstens kann man interesse, neigung und talent nicht durch subventionen erreichen,
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Wie wär's denn mit einer Vorprägung. Dass man den Kindern schon beibringt, dass die nicht nur den Stoff aufnehmen, sondern auch wieder weitergeben. Zu meiner Zeit konnten ältere Schüler Tutor und Nachhilfelehrer für jüngere Schüler sein. Sowas könnte man doch fördern, so dass sich mehr in dieser Richtung probieren können.
JanLo
In Sachsen werden atm so gut wie keine Lehrer fest angestellt. Den größten Mangel versucht man mit befristeten Anstellungen zu schließen - was natürlich nur bedingt funktioniert, da man bei einem Arbeitgeber nur begrenzt oft befristet angestellt werden kann. Die Situation ist so seit die LB da mal ein paar Milliarden verbraten hat.

Mein Vater ist Berufsschullehrer. Er ist jetzt den Schritt gegangen freiberuflich Honorarbasiert zu arbeiten weil er keine Festanstellung gefunden hat - und muss reihenweise Absagen erteilen weil er zu viele Angebote hat. Natürlich büßt man damit die Sicherkeit einer Festanstellung ein und muss jedes Schuljahr erneut auf „Kundenfang“ gehen.

Das Problem ist also - so denke ich - nicht der Lehrermangel sondern der unwillen der Landesregierung neue Lehrer fest anzustellen (zumindest in Sachsen).
Fuchs
Zitat(Chris @ 08 Aug 2010, 18:07)
Wie wär's denn mit einer Vorprägung. Dass man den Kindern schon beibringt, dass die nicht nur den Stoff aufnehmen, sondern auch wieder weitergeben. Zu meiner Zeit konnten ältere Schüler Tutor und Nachhilfelehrer für jüngere Schüler sein. Sowas könnte man doch fördern, so dass sich mehr in dieser Richtung probieren können.
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super idee! auf diese weise könnten wir auch die gleichberechtigung der frau komplett umsetzen, rassismus ausmerzen und alle leute zu pazifisten machen!
Jenny86
Zitat(JanLo @ 08 Aug 2010, 18:14)
Das Problem ist also - so denke ich - nicht der Lehrermangel sondern der unwillen der Landesregierung neue Lehrer fest anzustellen (zumindest in Sachsen).
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Sehe ich ganz genauso, denn es werden in Sachsen nicht nur wenig Referendare eingestellt (vom Anteil sächsischer Studenten mal ganz zu schweigen), sondern auch kaum Referendare übernommen (selbst mit 1,0er Schnitt). Wenn man dann auch noch Adremartikel liest, in denen es heißt, dass in den nächsten Jahren zig Lehrer eingespart werden sollen (aber wie es in der Adrem heißt, Gott sei Dank erstmal nicht bei den Hochschullehrern...), dann angry.gif blowup.gif
chelys
Die Frage ist auch, ob man (zumindest die Schul-) Bildung weiterhin den Ländern überlassen muss
Jenny86
Eine Vereinheitlichung wäre dringend angebracht. Denn es kann nicht sein, dass mein Hochschulabschluss und genauso mein 2. Staatsexamen aus dem einen Bundesland im anderen nicht anerkannt wird. Manche Prüfungen auf "Gleichwertigkeit", wie es so schön heißt, sind problemlos, andere Bundesländer wollen die Studien- und Prüfungsordnungen sowie alle Scheine der TU in doppelter Ausführung und beglaubigt sehen (wobei viele Scheine während des Studiums beim Prüfungsamt abgegeben werden mussten). Thüringen maßt sich sogar an, nachdem für die Prüfung auf Gleichwertigkeit eine Gebühr bezahlt worden ist, die Abschlussnote entsprechend zu korrigieren und anzupassen. Das ist doch ein Witz...
chelys
Habe mal ein Mädel im Seminar getroffen, die wollte nur zu ihrem Freund nach Leipzig ziehen und sozusagen im Bundesland die Uni wechseln. Man glaubt gar nicht, wie schwierig das war. Die musste (zum Glück war sie gerade erst am Ende des Grundstudiums) nen Haufen Scheine nachholen blink.gif
Jenny86
Ja das liegt daran, dass jede Uni den Inhalt des jeweiligen Studiums selbst festlegen kann. Daher haben bspw. einige Deutschlehrer komplett Mediävistik als Teilfach studiert, während andere nur eine allgemeine Überblicksvorlesung zur Geschichte der deutschen Sprache besuchen mussten.